(s,q)-Politik

Bei Verfolgung einer (s,q)-Lagerhaltungspolitik wird nach folgender Entscheidungsregel vorgegangen:

Immer dann, wenn der (disponible) Lagerbestand auf die Höhe des Bestellpunkts $s$ gesunken ist, wird eine Bestellung der Höhe $q$ ausgelöst.

Der disponible Lagerbestand ist die Summe aus dem physischen Bestand plus den ausstehenden, noch nicht eingetroffenen Bestellungen abzüglich der aufgelaufenden Fehlmengen.

Bild

Die Entwicklung des Lagerbestands bei Anwendung eines $(s,q)$-Lagerhaltungssystems für ein Produkt zeigt das obige Bild Der durchgezogene Linienzug beschreibt den sog. Nettobestand. Ist dieser positiv, dann ist physischer Bestand vorhanden. Ist der Nettobestand negativ, dann spricht man von Fehlbestand. Der disponible Lagerbestand unterscheidet sich vom Nettobestand nur in den Perioden mit positivem Bestellbestand. In den anderen Perioden sind beide Größen identisch. Die Orientierung der Bestellentscheidung am disponiblen Bestand – und nicht am Nettobestand – bewirkt, daß in den Perioden unmittelbar nach einer Bestellung nicht erneut bestellt wird. Der disponible Bestand hat somit eine Gedächtnisfunktion. Der Vergleich des Bestellpunkts mit dem disponiblen Bestand verhindert also die mehrfache Auslösung von Bestellungen.

Achtung: Im Bild wird der Bestellpunkt s durch den disponiblen Lagerbestand nicht genau getroffen. Dies ist - anders als in vielen Lehrbüchern unterstellt - der Normalfall in der Realität. In der Praxis hat der disponible Bestand unmittelbar vor Auslösung der Bestellung den Bestellpunkt bereits unterschritten. Es tritt das sog. Defizit (undershoot) auf. Dies ist der Fall, wenn der Lagerbestand nur in diskreten Zeitabständen (täglich) erfaßt wird. Aber auch dann, wenn eine kontinuierliche Lagerüberwachung erfolgt, wenn aber die Auftragsgrößen größer als 1 sind, kann es zu einem Defizit kommen. Das Defizit muß man bei der Bestimmung der optimalen Höhe des Bestellpunkts mit berücksichtigen. Geschieht dies nicht, dann wird der Sicherheitsbestand falsch berechnet und der angestrebte Servicegrad wird nicht erreicht. Dieser Planungsfehler ist in der Praxis die Regel.

Während in der Theorie oft von einer kontinuierlichen Zeitachse ausgegangen wird, wird in der Praxis mit einer diskreten Zeiteinteilung gearbeitet. Dies ist auch die Sicht der Warenwirtschaftssysteme, die die Nachfrage pro Tag erfassen und speichern. Die gesamte an einem Tag eingetroffene Nachfrage für ein Produkt wird dann als Periodennachfrage betrachtet. Der Lagerbestand wird üblicherweise am Ende eines Tages ermittelt. Dann wird auch die Entscheidung getroffen, ob eine Bestellung beim Lieferanten auszulösen ist.

Eine $(s,q)$-Politik mit diskreter Zeitachse und täglicher Bestandsüberwachung ist daher eine (r,s,q)-Lagerpolitik (mit einem Überwachungszyklus $r=1$). Prinzipiell kann man auch Überwachungszyklen, die größer als 1 sind, verwenden. In einer $(r=5,s,q)$-Lagerpolitik wird z.B. am Ende jeder Periode der Lagerbestand erfaßt (und mit dem Bestellpunkt $s$ verglichen), aber nur höchstens in Abständen von 5 Perioden bestellt. Es kann dabei vorkommen, daß der Bestellpunkt unterschritten wird, aber erst nach weiteren 4 Perioden tatsächlich bestellt wird. Diese Lagerpolitik hat einen längeren Risikozeitraum als die $(r=1,s,q)$-Lagerpolitik und führt daher auch unter sonst gleichen Bedingungen zu einem höheren Sicherheitsbestand.

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Literatur

Tempelmeier, H. (2015). Bestandsmanagement in Supply Chains. 5. Aufl., Norderstedt: Books on Demand.
Günther, H.-O. und Tempelmeier, H. (2016). Produktion und Logistik - Supply Chain and Operations Management. 12. Aufl., Norderstedt: Books on Demand.