Advanced Planning Systeme

Der Begriff Advanced Planning System (APS) ist ein marketing-politisch motivierter Begriff für ein Softwaresystem, mit dem die Lösung von vorwiegend operativen Planungsproblemen in den Bereichen Produktion, Logistik und Supply Chain Management unterstützt werden soll. APS sind aus der Kritik am herkömmlichen, in der Industrie weit verbreiteten Sukzessivplanungskonzept zur Produktionsplanung und -steuerung (PPS) entstanden, die im englischen Sprachraum als Material Requirements Planning Systems (MRP; MRPII) bezeichnet werden. Bekanntlich hat das herkömmliche Sukzessivplanungskonzept (MRP-Konzept) den Mangel, daß es nahezu überhaupt keine systematische Planung des Produktionsgeschehens unterstützt.

Folgende Kritikpunkte am herkömmlichen MRP-Konzept lassen sich nennen:

  • Die meisten "Planungsergebnisse" basieren nicht auf einem problemadäquat formulierten Entscheidungsmodell.

  • Viele Entscheidungsvorschläge, z.B. in der Losgrößenplanung und auch im Bestandsmanagement, basieren auf falschen, veralteten, und z.T. unsinnigen Vorstellungen über die ökonomischen Zusammenhänge und werden der Komplexität der Planungssituation nicht gerecht.

  • Da auf die Berücksichtigung der Kapazitäten verzichtet wird, werden keine zulässigen (machbaren) Pläne erzeugt. Es wird dann zwar von Optimierung gesprochen, aber der optimale Plan ist nicht umsetzbar.

  • Für wichtige Poblembereiche wird dem Planer überhaupt kein Entscheidungsvorschlag unterbreitet, sondern auf "dispositives" Expertenwissen verwiesen.

Zusammenfassend kann man feststellen, daß ein PPS-System (MRP-System) kein Planungssystem, sondern ein (oft sehr gutes) Datenverwaltungssystem ist.

Diese Kritik am MRP-Konzept wurde von Softwareherstellern aufgegriffen und führte zur Propagierung der Advanced Planning Systems. Man beachte, daß man hier einen großen Sprung von "überhaupt nicht planen" zu "advanced planning" suggeriert. Das ist der Einfluß des Marketing. Auf dem Softwaremarkt gibt es mittlerweile eine unübersehbare Anzahl von Advanced Planning Systemen. Diese sind teilweise lediglich durch leichte Modifikation und Umbennung eines bereits existierenden MRP-Systems entstanden. Manche Anbieter bezeichnen es bereits als Advanced Planning, wenn dem Planer eine systematische Visualisierung des von ihm selbst aufgestellten Produktionsplans angeboten wird.

Obwohl eine theoretisch fundierte Gesamtkonzeption der Advanced Planning Systems nicht zu erkennen ist, scheinen die genannten Softwareanbieter eine übereinstimmende Auffassung darüber zu haben, was unter "Advanced Planning" zu verstehen ist. Möglicherweise haben die Softwareanbieter auch voneinander gelernt. Die Analyse der einschlägigen Veröffentlichungen läßt die im folgenden Bild wiedergegebene, historisch gewachsene Grundkonzeption erkennen:

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Die Darstellung ist nicht als theoretisch abgeleitete ideale Struktur eines APS zu verstehen, sondern soll lediglich einen Überblick über die vorhandenen Systemkomponenten vermitteln.

Ein APS kommuniziert im einfachsten Fall mit einem herkömmlichen transaktionsorientierten ERP-/PPS-System. Von diesem bezieht es die für die Planung benötigten Daten über die laufenden Wertschöpfungsprozesse. Das Planungsergebnis wird dann wieder in das ERP-/PPS-System überspielt.

Die dargestellten Planungsmodule decken die Planungsprobleme der aggregierten Programmplanung (Supply Network Planning) und der kurzfristigen Ressourceneinsatzplanung (Production Planning/Detailed Scheduling; Factory Planning etc.) ab. Das Modul Transportation Planning/Vehicle Routing unterstützt den Planer bei der Fahrzeugeinsatzplanung und bei der Tourenplanung. Als Ergänzung, aber methodisch schwierig einzuordnen, ist ein Modul anzusehen, mit dem Unterstützung bei Lieferterminzusagen gegenüber einem (potentiellen) Kunden geleistet werden soll (Capable to Promise, CTP).Das Modul Vendor-Managed Inventory (VMI) hilft bei der Auftragsabwicklung zwischen einem Anbieter (vendor) und seinen Abnehmern, wobei der Anbieter das Bestandsmanagement für die Abnehmer erledigt. Nicht sachgerecht ist die Bezeichnung des Moduls zur Bedarfsprognose als "Planungsmodul" (Demand Planning). Die für die Prognose typische Extrapolation von beobachteten Zeitreihenentwicklungen in die Zukunft ist lediglich eine Datenbereitstellung für die Planung, kann aber selbst nicht als Planung bezeichnet werden. Wenn das so wäre, könnte man die tägliche Wettervorhersage auch als Wetterplanung bezeichnen, oder?

Siehe auch ...

Literatur

Tempelmeier, H. (2010). Supply Chain Management und Produktion (3. Aufl.). Norderstedt: Books on Demand.
Günther, H.-O. und Tempelmeier, H. (2016). Produktion und Logistik - Supply Chain and Operations Management. 12. Aufl., Norderstedt: Books on Demand.